Bahnen
Sarah Meyer-Dietrich sitzt mit einem Buch in der Hand am Bahnsteig und schaut in die Ferne.

Worauf steuern wir zu?

von Sa­rah Mey­er-​Diet­rich

„Nee, echt“, sagte der Halbwüchsige vor mir im Zug, das Handy am Ohr. „Drei Sechsen krieg ich auf dem Zeugnis. Ist mir aber egal.“ Respekt, denke ich. Was für eine Perspektive hat der mit so einem Zeugnis?

Überhaupt, denke ich. Welche Perspektiven haben meine Mitreisenden und ich? Worauf steuern wir zu?

Eigentlich verrückt, mit so vielen Fremden in einem Zug zu sitzen. Alle fahren in die gleiche Richtung. Aber jeder von uns hat ein anderes Ziel, steuert auf ein anderes Schicksal zu.

Zum Beispiel der junge Mann da, der nervös mit den Fingern der rechten Hand auf den Oberschenkel trommelt. Er sieht merkwürdig aus im Anzug. So, als wäre der nur geliehen. Vielleicht fährt der junge Mann zu einem Vorstellungsgespräch, denke ich. Perspektive: Traumjob? Der Job, der sein Leben in neue Bahnen lenkt?

Oder die vermutlich Mittfünfzigerin mit dem Spritzer Parfüm zu viel, die sich ordentlich in Schale geworfen hat. Unterwegs zu einem ersten Date? Vielleicht die richtig große, krachende Liebe, auf die sie schon ihr ganzes Leben gewartet hat?

Oder der Mann da mit dem traurigen Blick. Was steht ihm bevor? Vielleicht setzt sich an der nächsten Haltestelle jemand neben ihn. Vielleicht die Liebe, auf die er schon längst aufgehört hat zu warten?

Oder der ältere Herr im Mantel. Er wird vielleicht kurz im Tabakladen im Bahnhof vorbeischauen. Einen Lottoschein ausfüllen. Und dieses Mal, denke ich, wird er nach Jahren des Lottospielens endlich, endlich gewinnen.

Oder eben der Halbwüchsige mit den drei Sechsen auf dem Zeugnis. Der hat doch auch eine Perspektive. Eine, von der er vielleicht selbst noch nichts ahnt? Vielleicht begegnet er auf dem Bahnsteig jemandem, der ihn dazu bringt, dass es ihm nicht mehr egal ist, wie viele Sechsen er auf dem Zeugnis hat?

Und plötzlich begreife ich: Unsere Schicksale, unsere Perspektiven hängen in diesem Moment vor allem vom Lokführer ab.

Wenn er jetzt den Zug anhalten, wenn er einfach aussteigen und gehen würde. Dann wäre es das vielleicht gewesen. Mit dem Traumjob, der Liebe, dem Lottogewinn …

Nur der Halbwüchsige mit den drei Sechsen hätte vielleicht einen unerwarteten Perspektivwechsel. Lokführer. Das wäre doch ein Grund, für den es lohnen könnte, sich in der Schule anzustrengen. Und ich sehe die Stellenausschreibung schon vor mir: Lokführer, ein Job mit vielen Perspektiven. Mit verdammt vielen Perspektiven, denke ich, während ich noch einmal den Blick durch den Zug schweifen lasse.


Zur Person

Sarah Meyer-Dietrich ist Pottkind mit Leib und Seele: Geboren 1980 zwar in Villingen-Schwenningen, doch aufgewachsen im Ruhrgebiet, arbeitet sie heute als freie Autorin und Dozentin für kreatives Schreiben. In ihren Romanen, Geschichten und Texten erzählt sie kreativ und mit Witz von der Region, dem Bahnfahren und den Menschen, die sie unterwegs trifft – auf eine charmante Art und Weise, die bereits mit zahlreichen Literaturpreisen ausgezeichnet wurde. Daneben hält Sarah Meyer-Dietrich Lesungen und begleitet verschiedene Projekte im Ruhrgebiet. Näheres verrät ihre Website unter www.sarahmeyerdietrich.de. Für “Wir machen das“ ist sie als Unterwegsschreiberin mit den Bahnen in NRW auf Tour.

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