Cookie Consent by PrivacyPolicies.com
Bahnen
Sarah Meyer-Dietrich steht auf einem Gleis und schaut die Schienen entlang.

Eine Lok, ein Waggon, ein paar Schienen

von Sa­rah Mey­er-​Diet­rich

Vielleicht habe ich es doch etwas übertrieben, denke ich, als ich mich auf einen freien Sitz in der Bahn quetsche. Der Herr neben mir wirft einen Blick in den Karton, den ich zwischen meinen Füßen auf dem Boden deponiere. Der Karton mit dem Playmobil-Pinguinbecken.

„Flohmarkt“, sage ich entschuldigend. „Ich konnte nicht widerstehen.“

„Für Ihr Kind?“, fragt der Mann.

Ich zucke mit den Schultern. „Erst mal für mich“, sage ich.

Der Mann lacht. „Kaufen Eltern Spielzeug nicht immer erst mal für sich?“

„Wahrscheinlich“, sage ich und denke daran, wie aufgeregt ich war, als ich das Becken vorhin auf dem Flohmarkt entdeckt habe. Immer schon wollte ich so eins haben.

„Als ich klein war“, sagt der Mann, „habe ich zu Weihnachten eine elektrische Eisenbahn bekommen. Ein Startset. Eine Lok, ein Waggon, ein paar Schienen.“

Ich lächle.

„Mein Vater hat alles aufgebaut“, fährt der Mann fort. „Ich durfte nur zugucken. Damit ich nichts kaputtmache.“

Jetzt lächle ich nicht mehr.

„Dann hat mein Vater die Eisenbahn wieder eingepackt.“, sagt der Mann. „Jedes Jahr bekam ich weiteres Zubehör. Jedes Jahr baute mein Vater alles auf und ich durfte nur zuschauen.“

Ich bin versucht, die Hand des Mannes zu streicheln. Eine sehr alte, sehr runzlige Hand.

„Als ich endlich damit spielen durfte, war ich zu alt dafür“, sagt der Mann. „Nur einmal“, murmelt er, „nur einmal hätte er mich doch die Eisenbahn selbst fahren lassen können.“

Ich muss an den Satz denken, mit dem ein hiesiges Bus- und Bahnunternehmen um Fahrer wirbt. Fahr doch selbst!, heißt es da.

„Sie hätten Lokführer werden sollen“, sage ich.

„Von einer echten Eisenbahn? Das wär was gewesen“, sagt er und blickt sehnsüchtig aus dem Fenster. Ich sehe ihn vor mir. Den Jungen unterm Weihnachtsbaum. Ich möchte ihm etwas Tröstendes sagen. Etwas, das die Schatten in seinem Blick verscheucht. Aber mir fällt nichts ein. An der nächsten Haltestelle muss ich raus. Schnell greife ich nach einem der Pinguine.

„Hier“, sage ich, „für Sie.“

Der Mann hält den Pinguin in der Hand. Ich habe mal gelesen, dass es unmöglich ist, wütend zu sein, während man einen Pinguin anschaut. Vielleicht gilt das Gleiche für Traurigkeit, denke ich, während ich aus der Bahn steige und mir schwöre, dass ich meinem Kind beibringen werde, seine Träume zu verwirklichen. Spätestens dann, wenn es alt genug ist, um die Playmobil-Pinguine nicht zu verschlucken. Allerspätestens dann.


Zur Person

Sarah Meyer-Dietrich ist Pottkind mit Leib und Seele: Geboren 1980 zwar in Villingen-Schwenningen, doch aufgewachsen im Ruhrgebiet, arbeitet sie heute als freie Autorin und Dozentin für kreatives Schreiben. In ihren Romanen, Geschichten und Texten erzählt sie kreativ und mit Witz von der Region, dem Bahnfahren und den Menschen, die sie unterwegs trifft – auf eine charmante Art und Weise, die bereits mit zahlreichen Literaturpreisen ausgezeichnet wurde. Daneben hält Sarah Meyer-Dietrich Lesungen und begleitet verschiedene Projekte im Ruhrgebiet. Näheres verrät ihre Website unter www.sarahmeyerdietrich.de. Für “Wir machen das“ ist sie als Unterwegsschreiberin mit den Bahnen in NRW auf Tour.

Weitere spannende Artikel