Triebfahrzeugführer*in

Konzentration ist keine Superkraft

Ein Mädchen in einem Superhelden-Kostüm springt in die Luft.
Veröffentlichungsdatum
12.06.2026

Dieselbe Strecke, teils mehrmals Tag: Wie Triebfahrzeugführer*innen bei den Bahnen in NRW konzentriert bleiben – und was du davon für deinen Alltag mitnehmen kannst.

Wer eine Strecke zum hundertsten Mal fährt und trotzdem jedes Signal bewusst wahrnimmt – der hat eine Fähigkeit, die die meisten Menschen nie trainieren. Triebfahrzeugführer*innen bei den Bahnen in NRW machen genau das, jeden Tag. Und nein: Das ist kein angeborenes Talent. Das lässt sich lernen.

Jannik Wassermann, 23, Triebfahrzeugführer und Ausbilder bei der VIAS, und Simon Bonitz, 32, Triebfahrzeugführer bei National Express, wissen, wie der Kopf auf Autopilot schalten will – und wie man ihn davon abhält. Wie das geht und was du davon sogar beim Rasenmähen mitnehmen kannst, erzählen sie hier.

Wer sich Konzentrationsprobleme im Führerstand vorstellt, denkt vielleicht an Lärm, Stress oder Zeitdruck. In Wirklichkeit ist es oft das Gegenteil: Wenn zu wenig passiert. „Wir haben eine Strecke, die fahren wir an einem Tag bis zu Runden. Da könnten sich leicht Konzentrationsmängel einschleichen. Das geht aber nicht. Also sage ich mir bewusst: Du bist jetzt zwar zum wiederholten Mal hier unterwegs – aber bleib dran."

Triebfahrzeugführer Jannik sitzt auf dem Führerstand.

Ich weiß bei jeder Fahrt genau, wo ich bin und was als Nächstes kommt – das hilft enorm.

Jannik

Ausbilder und Triebfahrzeugführer bei Vias

Die 15 Minuten vor der Abfahrt 

Um sich immer wieder neu zu fokussieren, orientiert sich Jannik an Streckenpunkten. „Wenn ich auf Signale zufahre oder Geschwindigkeitsherabsetzungen kommen: Ich weiß bei jeder Fahrt genau, wo ich bin und was als Nächstes kommt – das hilft enorm.“

Konzentrationshilfen, die im Büro funktionieren, sind im Führerstand tabu: Musik auf dem Handy hören, ist zum Beispiel komplett verboten. „Wir sollen uns voll auf die Strecke konzentrieren, auf unsere Bordinstrumente und auf die Geräusche des Zugs. Wir müssen Signale bestätigen, auf Funk reagieren – da geht das nicht. Das Einzige, was du machen kannst, ist dir selbst was vorsingen. Aber mich würde das eher ablenken."

Ein Triebfahrzeugführender im Führerstand.

Simon und Jannik haben feste Rituale

Konzentration fängt nicht erst auf der Strecke an – sondern davor. Simon hat da ein festes Ritual: „Ich packe meine Tasche, habe mein Essen und Trinken vorbereitet und genug Zeit für den Weg zum Zug eingeplant – damit ich nicht schon gestresst am Bahnhof ankomme. Und dann checke ich vor der Fahrt alles: Zugnummer, Fahrplan, tagesaktuelle Weisungen. Gibt es Umleitungen? Baustellen? Wenn ich das vorher weiß, verfalle ich später nicht in Stress." 

Auch Jannik beginnt immer vorbereitet seinen Dienst: „Damit habe ich im Hinterkopf keine Hektik mehr, dass noch etwas zu tun ist. Dann hole ich mir vielleicht noch einen Kaffee – und bin danach voll fokussiert."

Simon nennt noch einen Punkt, den viele unterschätzen: rechtzeitig schlafen gehen. „Wenn der Wecker um drei klingelt, gehe ich um sieben ins Bett – und nicht um zehn, weil noch Sportschau läuft. Das klingt banal, aber Müdigkeit ist der größte Konzentrationskiller überhaupt."

So lernt man Konzentration

Konzentration wird in der Ausbildung gezielt trainiert. Jannik erinnert sich: „Bei uns im Ausbildungszentrum haben wir anfangs viel mit Konzentrationsspielen gearbeitet – ähnlich wie das Kinderspiel Simon Says (auch bekannt als „Alle Vögel fliegen hoch“). Da ging es darum, Konzentration aufzubauen und zu halten. Oder am Simulator. Da haben sie uns absichtlich lange, monotone Strecken fahren lassen, auf denen nichts passiert – und dann kommt zwischendurch doch eine Kleinigkeit. So lernst du, den Fokus zu behalten."

Erst war er skeptisch, ob das wirklich nötig ist: „Nach den ersten zwei, drei echten Fahrten mit meinem Ausbilder wurde mir bewusst, wie hilfreich das Training war."

Auch nach der Ausbildung hört das Lernen nicht auf. Bei sogenannten Begleitfahrten fährt ein erfahrener Kollege oder eine erfahrene Kollegin mit – und gibt konkrete Praxistipps. Simon kennt das: „Wenn gleichzeitig ein Signal kommt und ein Anruf reingeht – dann halte ich erst an und arbeite danach den Anruf ab. Nicht umgekehrt. Das klingt logisch, aber unter Druck muss man das trainiert haben."

Zusammengefasst – die wichtigsten Tipps

  • Ausgeschlafen zum Dienst kommen – rechtzeitig ins Bett
  • Lieber 10 Minuten früher da sein als gehetzt starten
  • Vorbereitung abschließen, bevor es losgeht – Fahrplan, Weisungen, Besonderheiten checken
  • Bei Monotonie: sich bewusst auf den nächsten Streckenpunkt fokussieren
  • Etwas Vorsingen ;-)

Nicht erreichbar sein, kann ein Segen sein

Dass Handys im Führerstand verboten sind, weißt du schon. Neben der alltäglichen Ablenkung durch Social Media und Co. soll damit auch verhindert werden, dass Triebfahrzeugführer*innen persönliche Nachrichten im falschen Moment erreichen. Klar: Jeder will wissen, wenn den eigenen Angehörigen etwas passiert. Doch bei voller Fahrt könnte genau das zum Problem werden.

Deshalb gibt es bei den Eisenbahnverkehrsunternehmen in NRW Wege, damit Angehörige im Notfall die Leitstelle kontaktieren können. Die entscheidet dann, wann und wie die Triebfahrzeugführer*in informiert wird – ohne dass der Fokus während der Fahrt gefährdet wird.

Triebfahrzeugführer Simon im Gespräch.

In welchem Job hat man heute noch die Möglichkeit, einfach offline zu gehen? Keine Mails, keine Anrufe. Ich wüsste nicht, wo man das sonst noch hat.

Simon

Triebfahrzeugführer bei National Express

Wer weiß, dass im Hintergrund alles geregelt ist, kann das Handy wirklich loslassen. Simon sieht das ausschließlich positiv: „In welchem Job hat man heute noch die Möglichkeit, einfach offline zu gehen? Keine Mails, keine Anrufe. Ich wüsste nicht, wo man das sonst noch hat."

Jannik merkt den Effekt im Alltag: „Seit ich fahre, bin ich in vielen Sachen viel fokussierter – beim Rasenmähen, Kochen oder auch beim Autofahren. Wenn du das einmal verinnerlicht hast, gehst du einfach konzentrierter an alles ran. Ich kann mich mittlerweile auf alles fokussieren – auch auf Dinge, zu denen ich nicht unbedingt die größte Lust habe." Du merkst: Konzentration ist keine Superkraft. Sie ist das, was dich bei der letzten Runde genauso fokussiert hält wie bei der ersten. Und Triebfahrzeugführer*innen bei den Bahnen in NRW wissen, wie.

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© Die Bahnen in NRW, Rawpixel.com/shutterstock, Deutsche Bahn AG/Volker Emersleben